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Fee
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Das deutsche Wort Fee bezeichnet eine Art von ĂŒbernatĂŒrlichen Wesen aus Kunst und Religion. Unter einer Fee wird heute oft eine schöne, magisch begabte Frau verstanden, die Menschen gegenĂŒber meist gut, aber auch bösartig auftreten kann.cite-ref-3[3]cite-ref-4[4] Die Figur der Fee stammt aus der französischen Literatur, aus der sie zwei Mal ins Deutsche sowie in viele andere Sprachen ĂŒbernommen wurde. Was unter einer Fee genau vorgestellt wird, unterscheidet sich je nach zeitlichem und regionalem Kontext.
Die genaue Herkunft der Figur ist unklar. Das Wort taucht in der altfranzösischen und normannischen höfischen Dichtung des 12. Jahrhunderts erstmals als fae bzw. fay auf. Es stammt von lateinisch fata (âSchicksalâ) und war ursprĂŒnglich vermutlich ein Verb bzw. Adjektiv, das in etwa âverzaubernâ und âverzaubertâ bedeutete. Das Wort wurde in der französischen Dichtung wohl benutzt, um keltische Sagenfiguren zu beschreiben. Daraus entwickelte sich eine beliebte Kategorie von Figuren, die ĂŒber den Einfluss der französischen Kultur auch in die mittelalterliche Dichtung des weiteren Europas einging, insbesondere als fei in die deutsche und als fairy in die englische. Die Feen der mittelalterlichen Dichtung waren meist schöne, mĂ€chtige und magisch begabte MĂ€nner und Frauen, die als Helfer oder Geliebte der menschlichen Protagonisten auftreten. Bekannte Beispiele sind Morgan le Fay und der Feenkönig Oberon. Unter dem Einfluss der italienischen Literatur entstand Ende des 17. Jahrhunderts in Frankreich die Gattung des FeenmĂ€rchens (conte des fĂ©es). In diesen fĂŒr das Publikum der literarischen Salons verfassten Geschichten treten hĂ€ufig die namensgebenden guten oder bösen fĂ©es auf, etwa in der Rolle der Feenpatin. Das Genre der FeenmĂ€rchen wurde im 18. Jahrhundert auch im deutschen Sprachraum populĂ€r und die Figur der fĂ©e als Fee zum zweiten Mal ins Deutsche ĂŒbernommen. Ein bekanntes FeenmĂ€rchen ist Dornröschen, in dem mehrere gute und eine böse Fee ĂŒber das Schicksal der Prinzessin entscheiden.
Mit der normannischen Eroberung Englands kam die mittelalterliche französische Feendichtung auf die Britischen Inseln. Aus der höfischen Kultur ĂŒbernahm die angelsĂ€chsische Bevölkerung den Begriff fairy (Mehrzahl fairies) fĂŒr die elves genannten Wesen ihrer eigenen Tradition. Die Feen wurden damit auch zu schĂ€dlichen Wesen, die beispielsweise Krankheiten bringen oder Kinder stehlen und gegen WechselbĂ€lger austauschen. Gleichzeitig entstand die Idee, dass die fairies in einem ebenfalls fairy genannten Feenland leben, das von einem edlen und schönen Königspaar regiert wird, dem Feenkönig und der Feenkönigin. Sehr einflussreich wurde das Feenbild, das der frĂŒhneuzeitliche Schriftsteller William Shakespeare (Ein Sommernachtstraum) entwarf. Seine Vorstellung von den fairies beeinflusste nicht nur die Kunst, sondern wirkte auch wieder auf die VolkserzĂ€hlungen und den Feenglauben zurĂŒck. Unter anderem durch den Einfluss der conte des fĂ©es Literatur setzte sich im 19. Jahrhundert eine heute typische Vorstellung durch: Fairies sehen aus wie winzige Menschen mit InsektenflĂŒgeln, sind mit Tieren und Pflanzen verbundene Naturgeister und sie haben eine besondere Verbindung zu Kindern. Ăber die englische Literatur sowie durch die Darstellungen in Filmen (insbesondere Disneyfilmen wie Peter Pan (1953)) wurde diese Vorstellung weltweit verbreitet.
Das englische Wort fairy hat daneben eine viel breitere Bedeutung als das deutsche Fee. In der englischsprachigen Forschungsliteratur wird fairy auch oft als etischer Sammelbegriff fĂŒr alle möglichen ĂŒbernatĂŒrlichen Wesen verwendet, unabhĂ€ngig davon, wie diese Wesen von den Akteuren selbst genannt werden.cite-ref-5[5] So können beispielsweise die Elben und Unholde aus frĂŒhneuzeitlich deutschen Texten in der englischen Fachliteratur als fairies bezeichnet werden.cite-ref-6[6]
Die Geschichte der Feentraditionen ist durch eine starke Wechselwirkung zwischen Volkskultur und literarischer Kultur geprĂ€gt.cite-ref-7[7] VolkserzĂ€hlungen, Literatur, Kinofilme und andere Medien beeinflussen sich gegenseitig in ihrer Darstellung der Feen. Dies hat wiederum eine RĂŒckwirkung auf die Menschen, die an diese Zwischenwesencite-ref-8[8] glauben: Was sie berichten gesehen und erlebt zu haben, ist oft abhĂ€ngig davon, wie die Feen im jeweiligen kulturellen Kontext vorgestellt werden.cite-ref-9[9]
Contents
âą Etymologie
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Etymologie
Die genaue Wortgeschichte von Fee und Fairy ist unklar und umstritten. Im 12. Jahrhundert taucht in der höfischen Dichtung altfranzösischer und anglonormannischer Sprache erstmals das Wort fai, fae oder fay auf. Dieses scheint auf lateinisch fata (âSchicksalâ; von fatum âdas Gesagteâ) zurĂŒckzugehen. In der Ă€lteren Forschung wurde angenommen, dass frĂŒhmittelalterliche Autoren dies als ein Singularwort fĂŒr âdie Göttinâ fehlgedeutet und daraus wiederum den Plural fatae (âdie Göttinnenâ) gebildet hĂ€tten. Mit fatae seien sowohl die römischen Schicksalsgöttinnen (Parcae) als auch die in Dreiergruppen auftretenden keltischen Matronae bezeichnet worden. Im Altfranzösischen sei schlieĂlich das âtâ verloren gegangen, so dass fata zu faâa und fae geworden sein soll. Dieses Wort habe zunĂ€chst eine magisch begabte Frau bezeichnet, daraus sei spĂ€ter faierie als Wort fĂŒr Zauberei und das Feenland entstanden. Dieses wiederum sei als Pluralform fĂŒr die magischen Wesen fehlverstanden und fairie als neuer Singular gebildet worden.cite-ref-10[10]
Diese sehr spekulative und im Detail unbelegte Wortgeschichte ist ab den 1980er Jahren vom Anglisten und Volkskundler Noel Williams (1952â2021) in Frage gestellt worden. Williams weist darauf hin, dass die altfranzösischen und mittelenglischen Begriffe (etwa fee, fae, fay, fairy) meist als Verben (âverzaubernâ) und Adjektive bzw. Partizipien (âverzaubertâ) verwendet wurden. Das Wort modifiziert oft ein Nomen (etwa fairy knit âmagischer Ritterâ), tritt aber nur sehr selten selbst als eines auf. TatsĂ€chlich habe sich aus dem lateinischen fata also ein Begriff entwickelt, der in etwa âvom Schicksal bestimmtâ (englisch fated) bedeutet habe. Damit seien PhĂ€nomene bezeichnet worden, die auĂerhalb menschlicher Kontrolle lagen.cite-ref-11[11] Englisch fairy, italienisch fada und spanisch fada oder hada seien alle parallel und unter gegenseitiger Beeinflussung aus diesem Begriff entstanden. Daraus habe sich erst allmĂ€hlich die Bedeutung als Gattungsbezeichnung fĂŒr magische Wesen entwickelt. Williams nimmt an, dass das altfranzösische fay in der höfischen Literatur als ein Sammelbegriff verwendet wurde, mit dem verschiedene ĂŒbernatĂŒrliche Wesen aus den Traditionen der keltischsprachigen Bevölkerung der Bretagne und der Britischen Inseln zusammengefasst wurden. Dabei habe es sich um eine Fremdbezeichnung gehalten, die Kelten selbst hĂ€tten keinen ĂŒbergeordneten Gattungsbegriff dieser Art gehabt.cite-ref-12[12]
Williams konnte aus englischen Texten bis 1829 ein Korpus von etwa 50 verschiedenen Schreibweisen fĂŒr fairy, Faerie, Pharie, Feyrie, Ffeyre usw. sammeln. Dabei dĂŒrfte es sich um graphemische Varianten des Phonems /fÉÉri/ bzw. /fei/ handeln. Dazu kommen wohl verwandte Begriffe, die volksetymologisch aufgrund von Homonymie oder Homophonie gebildet wurden. So ist der Ausdruck farefolkis wohl aus fair folk (âschönes Volkâ) zusammengesetzt, einem weit verbreiteten Euphemismus fĂŒr fairies.cite-ref-13[13]
Das französische Wort wurde zweimal ins Deutsche ĂŒbernommen. Zuerst wurde im Hochmittelalter die altfranzösische fae in die mittelhochdeutsche Dichtung als Fei, Feie oder Feine ĂŒbernommen und hielt sich anschlieĂend bis ins FrĂŒhneuhochdeutsche als Kompositum in den Fabelwesen Meerfei und Waldfei. Danach ging das Wort wieder verloren. Im 18. Jahrhundert wurde unter dem Einfluss der beliebten Conte des fĂ©es Literatur (siehe unten) die französische fĂ©e als Fee erneut ins Deutsche entliehen. Der von manchen Autoren unternommene Versuch das Ă€ltere Fei wiederzubeleben, setzt sich nicht durch. Im 19. Jahrhundert entstand schlieĂlich das Verb feien. Vor oder gegen etwas gefeit zu sein bedeutet, (durch Feenmacht) davor geschĂŒtzt zu sein. In der Infektionsepidemiologie existiert die davon abgeleitete Fachbezeichnung âstille Feiungâ. Feien wurde unter RĂŒckgriff auf das mittelalterliche Fei bzw. auf das mittelhochdeutsche Verb feinen gleicher Bedeutung neu gebildet.cite-ref-14[14]cite-ref-15[15]cite-ref-16[16]
Fées im französischen Sprachraum
Fays im Mittelalter
In den Chanson de geste, altfranzösischen Heldenliedern des 12. und 13. Jahrhunderts, tauchen erstmals als fai, fae oder fay bezeichnete MĂ€nner und Frauen auf. Die moderne Forschungsliteratur zĂ€hlt auch solche Wesen zu den Feen, die in den mittelalterlichen Texten nicht so genannt werden, den so bezeichneten Figuren aber Ă€hneln. Damit werden etwa auch die magischen Figuren bei Marie de France zu den Feen gerechnet. Die heute als Feen zusammengefassten Wesen sind so unterschiedlich, dass es unmöglich ist zu definieren, was diese Feen ausmacht.cite-ref-17[17] Diese schönen, weisen, mĂ€chtigen und magisch begabten Figuren treten hĂ€ufig als BeschĂŒtzer, Berater oder Geliebte der ritterlichen Helden auf und machen ihnen wertvolle Geschenke wie Waffen, Kleidung und magische GegenstĂ€nde. Diese Wesen spiegeln in ihrem Lebensstil die Idealvorstellungen der zeitgenössischen menschlichen Elite wider. Die Geschichten lassen hĂ€ufig offen, ob diese Figuren nur magisch begabte Menschen oder ĂŒbermenschliche Wesen sind. Die wohl einflussreichste dieser ErzĂ€hlungen war das Lied von Huon de Bordeaux, das den zwergenhaften König Auberon einfĂŒhrt. Die Geschichte handelt vom Ritter Huon, der den Sohn Karls des GroĂen tötete und zur SĂŒhne eine Reihe eigentlich unmöglicher Aufgaben bestehen muss. Diese gelingen ihm mit der Hilfe Auberons.cite-ref-18[18]cite-ref-goodrich-2015-446-447-19-0[19] Im 13. Jahrhundert entstand die Gattung des höfischen Romans. Der einflussreiche Autor ChrĂ©tien de Troyes begrĂŒndete hier die sogenannte Artusepik um König Artus und die Ritter der Tafelrunde. ChrĂ©tien lĂ€sst eine Reihe von fays auftreten, darunter die berĂŒhmte Morgan le Fay, beschrieb diese Figuren aber meist als menschlich. Morgana ist bei ihm Artusâ Schwester. Morgana und Auberon werden erst in der Literatur des 15. Jahrhunderts zu Vertretern einer eigenen Spezies namens âFeenâ.cite-ref-20[20]cite-ref-21[21]
Die französische höfische Literatur wurde im mittelalterlichen Europa auĂerordentlich populĂ€r, ihre Stoffe und Motive wurden u. a. auch in der englischen und deutschen Dichtung aufgegriffen (s. u.). Sehr beliebt war das Motiv der feenhaften Geliebten, das hĂ€ufig in ErzĂ€hlungen verarbeitet wurde die in der modernen Forschung als FĂ€lle von â(gestörter) Mahrteneheâ klassifiziert werden. Dabei handelt es sich um Geschichten, in denen ein menschlicher Mann eine Liebesbeziehung mit einer ĂŒbernatĂŒrlichen Frau eingeht. Diese Beziehungen scheitern oft daran, dass der Mann ein von seiner Geliebten gefordertes Tabu bricht und sie ihn daher wieder verlĂ€sst. Manchmal gelingt dem Mann spĂ€ter eine Versöhnung mit der Frau und sie nimmt ihn zurĂŒck. FĂŒr das adelige Publikum lag der Reiz dieser Dichtungen in dem Ausbruch aus den Regeln der Feudalgesellschaft bei gleichzeitiger ErfĂŒllung adeliger Wunschvorstellungen: Der ritterliche Held wird nicht in eine arrangierte Ehe gezwungen, sondern geht eine durch Liebe und Erotik geprĂ€gte Beziehung ein, die Fee schenkt ihm Reichtum, die Herrschaft ĂŒber ihr Reich und macht ihn durch die gemeinsamen Kinder zum Stammvater eines besonderen Adelsgeschlechts. Zeitgenössische Theologen missbilligten diese ErzĂ€hlungen hĂ€ufig, da Feen in ihrem Weltbild nur als DĂ€monen erklĂ€rt werden konnten. Um diesen Konflikt zu entschĂ€rfen, wurde in den Dichtungen oft Wert darauf gelegt, die Feen als gute Christinnen darzustellen und vom DĂ€monenverdacht zu befreien.cite-ref-22[22] Die Figur der Fee ist im Laufe der Zeit immer weiter abgeschwĂ€cht worden, bis sie schlieĂlich zu einer gewöhnlichen Hofdame wurde. Bei Marie de France erscheinen Feen noch als mĂ€chtige andersweltliche Herrscherinnen und Zauberinnen, die auch gegenĂŒber MĂ€nnern selbstbewusst auftreten können. Bei ChrĂ©tien de Troyes und schlieĂlich Hartmann von Aue wurden Macht und Auftreten der Feen verringert, insbesondere wenn die Feen in diesen jĂŒngeren Geschichten schlieĂlich durch Heirat mit einem Ritter in die höfische Gesellschaft integriert werden.cite-ref-23[23]
Die mittelalterliche Feendichtung war fiktional, galt dem Publikum aber nicht notwendigerweise als unrealistisch. Feen und Magie sowie die Drachen, Riesen und anderen Fabelwesen, die in diesen Geschichten auftauchen, erschienen im mittelalterlichen Weltbild als durchaus plausibel. Am Ăbergang zur FrĂŒhen Neuzeit versuchte der einflussreiche Gelehrte Paracelsus mit seiner Elementargeisterlehre solche Ideen von der Mahrtenehe zu rationalisieren. Bei der mittelalterlichen Feendichtung handelt es sich daher nicht um phantastische Literatur, d. h. um Literatur die bewusst Unrealistisches beschreibt.cite-ref-24[24]
FĂ©es in der FrĂŒhen Neuzeit
Ende des 17. Jahrhunderts entstand in Frankreich aus dem Genre der fable heraus die neue Gattung des conte de(s) fĂ©es (dt. âGeschichten ĂŒber Feenâ), in der die Protagonisten mit guten und bösen fĂ©es interagieren. Diese ErzĂ€hltradition kombinierte VolkserzĂ€hlungen mit den Normen der höfischen Literatur. Wichtige Autoren der ersten Phase (1690â1705) waren Marie-Catherine dâAulnoy, Marie-Jeanne LhĂ©ritier de Villandon, Charles Perrault und andere. Diese Autoren formten VolkserzĂ€hlungen nach dem Vorbild des höfisch-heroischen und des psychologischen Romans um. Dies zeigt sich etwa in der beschriebenen StĂ€ndeordnung, den Abenteuerszenen, der prunkvoll beschriebenen Architektur und Kleidung sowie der zentralen Rolle des Themas Liebe.cite-ref-25[25] In der zweiten Phase ab 1705 wird der conte de fĂ©es durch die französische Rezeption orientalischer ErzĂ€hlungen beeinflusst, etwa durch Antoine Gallands Ăbersetzung von Tausendundeine Nacht (1704â1717). Der Einfluss zeigt sich nicht nur in neuen Handlungsorten, sondern auch in der Thematik um TrĂ€ume und Seelenwanderung sowie in der expliziter werdenden Erotik.cite-ref-26[26] Gleichzeitig verliert die Gattung zunehmend ihren Bezug zu den VolkserzĂ€hlungen und baut stattdessen auf ihre eigene Tradition auf. Die Geschichten werden ironisch und moralisierend. Die Feen, die gattungstypisch in das Leben der Menschein eingreifen, werden hier zu deren aufklĂ€rerischen Lehrern. Zu den vielen Autoren der zweiten Phase gehören u. a. Antoine Dâhamilton, Jacques Cazotte, Marie-Madeleine de Lubert (1702â1785) und ThĂ©miseul de Saint-Hyacinthe (1684â1746). Auch Jean-Jacques Rousseau verfasst ein FeenmĂ€rchen (La reine Fantasque, 1754). Voltaire prĂ€gte das eigene Untergenre des contes philosophiques.cite-ref-27[27] Der conte de fĂ©es war eine Literaturgattung des Ancien RĂ©gime und endete mit der Französischen Revolution (1789).cite-ref-28[28] Der conte des fĂ©es erwies sich als auĂerordentlich populĂ€r und seine Geschichten gingen im Laufe der Jahrhunderte in das Repertoire der VolkserzĂ€hlungen ein. TatsĂ€chlich handelt es sich wohl bei vielen der im 19. und 20. Jahrhundert im französischen Sprachraum gesammelten âVolksmĂ€rchenâ tatsĂ€chlich um an die Voraussetzungen des mĂŒndlichen ErzĂ€hlens angepasste Geschichten aus der höfischen conte des fĂ©es Literatur des 18. Jahrhunderts.cite-ref-29[29] Im Französischen hat conte de fĂ©es, genau wie das davon abgeleitete englische fairy tale und das italienische racconto di fate, heute etwa die gleiche breite Bedeutung wie das deutsche Wort MĂ€rchen, unabhĂ€ngig davon, ob in den Geschichten Feen auftreten.cite-ref-30[30]cite-ref-31[31]
Das Genre des conte des fĂ©es wurde von der GrĂ€fin Marie-Catherine dâAulnoy erfunden und nachhaltig geprĂ€gt. Sie verfasste etwa ein Drittel aller Geschichten der ersten Phase.cite-ref-32[32] 1697 erschien ihre Geschichtensammlung Les contes des fĂ©es, die der neuen Gattung ihren Namen geben sollte. DâAulnoy erfand damit erstmals einen Gattungsnamen fĂŒr die im Deutschen heute als MĂ€rchen bezeichneten Geschichten und wies darin den ĂŒbernatĂŒrlichen Wesen namens fĂ©es einen zentralen Platz zu. Sie las ihre Geschichten in den literarischen Salons von Paris vor, als Unterhaltung fĂŒr erwachsene Adelige, vor allem Frauen. Auch die von dâAulnoy inspirierten weiteren Autoren des Genres waren vielfach Frauen (die sog. conteuses) wie Marie-Jeanne LhĂ©ritier de Villandon, Henriette-Julie de Murat (1668â1716) und Catherine Durand (1650â1712).cite-ref-33[33] Der Literaturwissenschaftler Jack Zipes macht mehrere GrĂŒnde dafĂŒr aus, weswegen Geschichten ĂŒber fĂ©es fĂŒr die Frauen so attraktiv waren. Erstens konnten sie sich mit diesen mĂ€chtigen weiblichen Wesen identifizieren und mit Feengeschichten einen Gegenpol gegen ihr durch die Vorschriften des Adels und der katholischen Kirche stark eingeschrĂ€nktes Leben setzen. Mit Feengeschichten lieĂ sich zudem verschleierte Kritik an den als dekadent, verlogen und misshandelnd dargestellten Institutionen Staat und Kirche ĂŒben. Daneben treten fĂ©es in VolkserzĂ€hlungen und nun in der Literatur hĂ€ufig als Hebammen, KindermĂ€dchen und Patinnen auf, also als magische Versionen von wichtigen Bezugspersonen der Frauen.cite-ref-34[34] WĂ€hrend die frĂŒhere Forschung davon ausging, dass dâAulnoy und die conteuses einheimische französische VolksmĂ€rchen ihrer Zeit verarbeitet hĂ€tten ist heute klar, dass sie deutlich durch Ă€ltere italienische Literatur inspiriert waren, vor allem die Geschichtensammlungen von Giambattista Basile und Giovanni Francesco Straparola.cite-ref-35[35] Einen wichtigen Einfluss stellte auch das aus Italien stammende Operngenre fĂ©erie dar, prunkvoll inszenierte Geschichten, in denen fĂ©es, Hexen, Göttinnen und andere ĂŒbernatĂŒrliche Wesen auftreten.cite-ref-36[36] Es lĂ€sst sich zudem eine starke IntertextualitĂ€t feststellen: DâAulnoy und die conteuses schrieben ihre Texte mit vielen Anspielungen auf die antike Literatur (z. B. die Metamorphosen des Ovid) und vielleicht auch auf mittelalterliche oder volkstĂŒmliche Geschichten von Morgan le Fay und Melusine.cite-ref-37[37]
Fairies im englischen Sprachraum
Nach der normannischen Eroberung Englands (1066) fĂŒhrten die neuen Herrscher die französische Sprache und Kultur, und damit auch die französische höfische Dichtung mit ihren fays, als Elitenkultur ein.cite-ref-38[38]cite-ref-goodrich-2015-446-447-19-1[19] Das englische Wort fairy erscheint erstmals im mittelenglischen Auchinleck Manuscript (um 1330) und bleibt in seiner Verwendung lange auf die höfische Literatur (romance, lay) beschrĂ€nkt. Das Wort wurde zunĂ€chst meist als Adjektiv gebraucht und bedeutet âseltsamâ, âmagischâ oder âverzaubertâ.cite-ref-39[39] Erst im 15. Jahrhundert wird es zur Bezeichnung fĂŒr bestimmte Wesen.cite-ref-40[40] Ob das in der angelsĂ€chsischen Dichtung verbreitete Wort faege (âtodgeweihtâ, vielleicht durch weibliche SchicksalsmĂ€chte wie WalkĂŒren) zuvor einen Einfluss auf das französische Wort ausgeĂŒbt hatte, ist unklar.cite-ref-41[41]
Einflussreiche britische Volkskundler des 20. Jahrhunderts wie Katharine Mary Briggs (1898â1980) und Jeremy Harte hatten die von ihnen erforschten fairy-Traditionen mit essentialistischen Vorannahmen betrachtet. Das heiĂt, sie gingen von einer einzigen (oft âkeltischenâ) Tradition aus, die ĂŒber alle Jahrhunderte hinweg und in allen Regionen im Wesentlichen die Gleiche gewesen sei. Die vielen sozialen VerĂ€nderungen zwischen Mittelalter und Moderne hĂ€tten also keinerlei Auswirkungen auf das Weltbild der bĂ€uerlichen Bevölkerung gehabt. Neuere Studien widmen sich dagegen meist Spezialaspekten, etwa den sozialen Funktionen von fairy-Geschichten und wie diese die kulturelle und politische Situation ihrer Zeit widerspiegeln. Der Historiker Ronald Hutton legte in einem 2014 erschienenen Artikel erstmals einen umfassenden geschichtswissenschaftlichen Ăberblick ĂŒber die britischen fairy-Traditionen vor. In dieser Arbeit verfolgt er die historischen VerĂ€nderungen dieser Traditionen vom 11. bis zum 17. Jahrhundert.cite-ref-42[42] Hutton unterscheidet zwei groĂe Phasen der britischen fairy-Tradition, das SpĂ€tmittelalter und die FrĂŒhe Neuzeit. Zwischen den beiden Phasen verortet er die Entstehung der Idee vom Feenreich sowie die Ăbernahme dieser Vorstellung aus der höfischen Literatur in die breite Bevölkerung.
Fairies im Mittelalter
Nach Hutton fĂ€llt die erste Phase in das SpĂ€tmittelalter.cite-ref-43[43] Mitte des 13. Jahrhunderts lassen sich hier drei verschiedene TraditionsstrĂ€nge erkennen: Erstens ein auf die Angelsachsen zurĂŒckgehender Glaube an verfĂŒhrerische aber schĂ€digende elves. Zweitens die internationale höfische Literatur ĂŒber schöne und mĂ€chtige fays (s. o.). Und drittens schlieĂlich die gelehrten Texte von Autoren wie Giraldus Cambrensis, Gervasius von Tilbury, William of Newburgh und anderen. Diese Autoren der dritten Traditionslinie sammelten Berichte von angeblichen Kontakten zwischen Menschen und nichtmenschlichen Wesen, die sich nicht in die theologische Unterscheidung von Engeln und DĂ€monen einordnen lieĂen. Im Gegensatz zur rein fiktiv angelegten höfischen Dichtung wurden die Geschichten aus diesen gelehrten Sammlungen als tatsĂ€chlich passiert prĂ€sentiert. Weder insgesamt, noch innerhalb der drei genannten TraditionsstrĂ€nge lĂ€sst sich eine systematisierte Lehre von den fairies feststellen, aber Elemente aus diesen drei StrĂ€ngen kommen spĂ€ter in den heute als fairies bezeichneten Wesen zusammen.
In der um 1330 entstandenen Auchinleck Manuscript Handschrift finden sich die Ă€ltesten englischsprachigen ErzĂ€hlungen, in denen explizit als fairy bezeichnete Wesen auftreten: Sir Launfal, Sir DegarĂ© und Sir Orfeo. Diese Wesen können weiblich oder mĂ€nnlich sein, der Vater des Titelhelden Sir DegarĂ© beispielsweise ist ein âfairy knyghteâ.cite-ref-44[44] Die fairies der mittelenglischen Dichtung sind keine eigene Spezies, sondern sehen aus und verhalten sich wie Menschen, sie verlieben sich in Menschen, nehmen diese in ihr Reich auf und zeugen Kinder mit ihnen. Oft werden sie als fromme Christen beschrieben.cite-ref-45[45] Was sie von Menschen unterscheidet sind ihr Aufenthalt in nur schwer zu betretenden Welten sowie ihre magischen FĂ€higkeiten. Die Feenwelt wird in Landschaft, Gesellschaft und höfischem Leben als der Menschenwelt entsprechend beschrieben, unterscheidet sich von dieser aber durch opulenten Reichtum und gewisse magische Elemente, beispielsweise endlos brennende Kerzen.cite-ref-46[46] Sie zeigen auch dieselbe GewalttĂ€tigkeit, wie sie die Menschen in diesen Geschichten begehen: die fairies kĂ€mpfen, töten, foltern und vergewaltigen.cite-ref-47[47] Gleichzeitig erweisen die mĂ€nnlichen und weiblichen fairies sich ihren menschlichen Partnern gegenĂŒber aber auch als treue Geliebte.cite-ref-48[48]
Hier verortet Hutton auch die Gleichsetzung von fairies und elves sowie die Entstehung der Idee von einer magischen Parallelwelt namens fairy.cite-ref-49[49] So reist der Held in Sir Orfeo in das Reich des Pluto, dem âKing of FayrĂ©â und in Geoffrey Chaucers ErzĂ€hlung Sir Thopas (1387) möchte der Protagonist âthe Queen of Faieryeâ fĂŒr sich gewinnen. Das Feenreich fairy, in dem fairy king und fairy queen ĂŒber das Volk der fairies bzw. elves herrschen, entwickelte sich zu einem beliebten Motiv der englischen Literatur und wurde im 15. Jahrhundert auch in der höfischen Literatur von Schottland und Wales ĂŒbernommen. Beispielsweise wird im Buchedd Collen, der Vita eines walisischen Mönchs, die Sagengestalt Gwyn ap Nudd nun nicht nur als König von Annwn bezeichnet, sondern auch als âKing of the Fairiesâ. Ebenfalls im 15. Jahrhundert ĂŒbernahm die einfache englischsprachige Bevölkerung die Idee vom Feenreich fairy und nahm fairies als Bezeichnung fĂŒr die von ihnen vorher als elves bezeichneten Wesen an. Damit entstand eine Art Systematisierung, in der die verschiedenen Wesen des Volksglaubens nun als ein Volk aus einem parallelen Königreich verstanden wurden. Es finden sich etwa Gerichtsakten zu Frauen, die angaben von den feyry magisches Wissen und die FĂ€higkeit zum Heilen gewonnen zu haben. Andersherum wurden die fairies nun fĂŒr Krankheiten verantwortlich gemacht, sie werden also mit den schĂ€dlichen Aspekten der elves belegt.
Fairies in der FrĂŒhen Neuzeit
Als zweite Phase und gleichzeitigen Höhepunkt der britischen fairy-Tradition macht Hutton das Zeitalter der Reformation und Renaissance (1560â1640) aus. Die fairies und ihr Reich waren in diesem Zeitraum ein sehr beliebtes Thema in Literatur und Theater, gleichzeitig waren der Glaube an diese Wesen bzw. das Spekulieren ĂŒber sie auch unter Gelehrten und in der normalen Bevölkerung verbreitet.cite-ref-50[50]
Im Bereich der Renaissanceliteratur waren die wohl einflussreichsten Autoren William Shakespeare (A Midsummer Nightâs Dream, um 1596) und Edmund Spenser (The Faerie Queene, um 1595), beide begrĂŒndeten mit ihren Werken ein anhaltendes literarisches Interesse am Thema der fairies.cite-ref-51[51] Mittelalterliche Figuren wie Robin Goodfellow und der Feenkönig Oberon wurden hier zu ihrer heutigen Form ausgebaut. Durch den Einfluss Spensers wird das Feenreich nun hĂ€ufiger als von einer Königin regiert vorgestellt, zuvor traten eher mĂ€nnliche Könige auf.cite-ref-52[52] Das fairyland, in dem die ewig jungen und schönen Monarchen in Reichtum leben und sich der MuĂe hingeben können, wurde zu einer beliebten Allegorie auf den Adel. Insbesondere Elisabeth I. wurde in Werken oft als fairy queen dargestellt. Henry, Prince of Wales spielte in einem Maskenball selbst den fairy king Oberon. Literarische Werke ĂŒber das Land der fairies dienten aber auch der Kritik am als hedonistisch verurteilten Lebensstil des Adels.cite-ref-53[53]cite-ref-54[54] Diese literarische Tradition verarbeitete einige Elemente der VolkserzĂ€hlungen und wirkte auch wieder auf diese zurĂŒck. Dies lĂ€sst sich beispielsweise an der KörpergröĂe der fairies nachvollziehen. In englischen VolkserzĂ€hlungen wurden fairies oft als kleinwĂŒchsig beschrieben, sie seien so groĂ wie menschliche Kinder. Dieses Narrativ wurde von Shakespeare ĂŒbernommen und zum komödiantischen Effekt auf eine winzige GröĂe gebracht. In A Midsummer Night's Dream stellt er der menschengroĂen Feenkönigin Titania ein Gefolge aus winzigen Dienern bei, die so klein sind, dass sie in die Schalen von AhornfrĂŒchten klettern können. Im kurz darauf erschienenen Romeo and Juliet (1597) ist dann auch die Feenkönigin Mab so klein, dass sie in einem Wagen fĂ€hrt, der aus einer Haselnussschale gebaut wurde.cite-ref-55[55] Die Idee von den winzigen fairies wurde in der Folge nicht nur von anderen Schriftstellern ĂŒbernommen, sondern findet sich seit 1620 auch zunehmend in VolkserzĂ€hlungen.cite-ref-56[56]
Gleichzeitig scheint der Glaube an fairies in der Bevölkerung auch stĂ€rker verbreitet gewesen zu sein als zuvor. Darauf deutet zum Beispiel hin, dass es zwischen 1595 und 1614 zu einer HĂ€ufung von TrickbetrĂŒgereien kam, in denen Geld dafĂŒr verlangt wurde, Menschen mit der fairy queen in Kontakt zu bringen.cite-ref-57[57]cite-ref-58[58] Hexenprozessakten zeigen, dass ĂŒberall auf den Britischen Inseln Menschen fairies und vor allem die fairy queen als Quellen ihrer ĂŒbernatĂŒrlichen FĂ€higkeiten angaben. Von den fairies wollten sie meist Heilkunst und Wahrsagerei gelernt haben.cite-ref-59[59] Schottische Hexentheoretiker (darunter König James VI.) hielten den Kontakt mit fairies dagegen fĂŒr ein zentrales Merkmal der Hexerei. Menschen, die angaben, mit fairies Umgang gehabt zu haben oder von denen dies behauptet wurde, wurden verfolgt. Die Theologen waren sich uneins darĂŒber, ob fairies nun real existierende DĂ€monen oder nur eine (durch den Teufel oder schlechte psychische Verfassung verursachte) falsche Einbildung seien. In England spielte der Vorwurf vom Umgang mit fairies eine viel kleinere Rolle, hier wurden angeblichen Hexen stattdessen beschuldigt, mit einem spiritus familiaris umzugehen. Auch Hofmagier wie Simon Forman und John Dee versuchten, fairies zu beschwören und zu kontrollieren.
Trotz der groĂen PopularitĂ€t des fairy-Themas im 16. und 17. Jahrhundert gab es keine einheitliche Lehre und Beurteilung bezĂŒglich dieser Wesen. So konnte James VI. Menschen fĂŒr ihren angeblichen Umgang mit fairies verfolgen lassen, wĂ€hrend sein Sohn Henry gleichzeitig als edler fairy king Oberon auftrat.cite-ref-60[60] Hutton nimmt dennoch an, dass im frĂŒhneuzeitlichen England, Wales und den schottischen Lowlands eine homogene Vorstellung vom fairy realm mit seinen fairy monarchs entstanden sei. Diese habe sich im Laufe der Zeit zu der regionalen Vielfalt diversifiziert, die spĂ€ter moderne Volkskundler aufgezeichnet haben. Hutton vermutet, dass die Konstruktion des fairy realms Ă€hnlich verlaufen sei wie die Entwicklung der Hexenlehre: Diverse mittelalterliche Vorstellungen seien im 15. Jahrhundert von Gelehrten aufgegriffen, modifiziert und zu einem kohĂ€renten System zusammengefasst worden.cite-ref-61[61]
Fairies in der Moderne
Die britische fairy-Tradition durchlief seit dem 17. Jahrhundert noch weitere VerĂ€nderungen, etwa was die populĂ€ren Vorstellungen vom Aussehen dieser Wesen betrifft. Als einflussreich erwies sich hier die Gleichsetzung von fairies und Sylphen, den fliegenden Luftgeistern aus der Elementargeisterlehre des Paracelsus. In seinem satirischen Epos The Rape of the Lock (1717) beschrieb der englische Dichter Alexander Pope die Sylphen erstmals mit InsektenflĂŒgeln.cite-ref-62[62] Im Laufe des 18. Jahrhunderts kam es zu einer Vermischung der fairies mit Popes geflĂŒgelten sylphs. FĂŒr die Verbindung der beiden Wesen und die anschlieĂende Popularisierung dieser neuen Vorstellung von geflĂŒgelten fairies waren vor allem die drei englischen Maler William Blake, Thomas Stothard und Johann Heinrich FĂŒssli verantwortlich. Sie schufen GemĂ€lde und Buchillustrationen mit sylphs und fairies, die sie mit naturalistisch-detailliert gemalten Insekten- und FledermausflĂŒgeln darstellen. Gefederte FlĂŒgel blieben Engeln vorbehalten.cite-ref-63[63] Einflussreich wurden insbesondere Stothards Illustrationen zur 1797 erschienenen Auflage von Rape of the Lock. Hier stellte er die sylphs, die Pope in Anlehnung an Shakespeares fairies als winzige Menschen beschreibt, erstmals mit SchmetterlingsflĂŒgeln dar.cite-ref-64[64] Im 19. Jahrhundert wurden fairies in GemĂ€lden, Literatur und TheaterauffĂŒhrungen schlieĂlich standardmĂ€Ăig mit InsektenflĂŒgeln dargestellt. Dass fairies FlĂŒgel tragen, ist in GroĂbritannien heute eine weit verbreitete Vorstellung.cite-ref-65[65] Ebenfalls einen groĂen Einfluss auf die Vorstellung von den fairies hatte die Illustratorin Cicely Mary Barker (1895â1973) mit ihren ab den 1920ern erschienenen, sehr beliebt gewordenen Flower Fairies BildbĂ€nden fĂŒr Kinder. Darin werden fairies als Kinder mit Schmetterlings- und anderen InsektenflĂŒgeln dargestellt, die pflanzenhafte Kleidung tragen und sich in der Natur zwischen Pflanzen aufhalten.cite-ref-66[66] Auch die Assoziation von fairies mit der Natur geht letztlich auf Shakespeare zurĂŒck. Als Anspielung auf den lĂ€ndlichen Charakter der Tradition hatte er fairies mit Namen wie Peaseblossom (ErbsenblĂŒte) und Mustardseed (Senfkorn) auftreten lassen, die mit Pflanzenteilen und anderen Naturmaterialien umgehen.cite-ref-67[67]
Im 19. Jahrhundert beginnt die wissenschaftliche BeschĂ€ftigung mit fairies. Einerseits als volkskundliche Erforschung des Glaubens an diese Wesen und der Geschichten ĂŒber sie, andererseits in einem naturwissenschaftlichen Streit um ihre Existenz. Anhaltendes öffentliches Interesse weckte die Kontroverse um die sogenannten Cottingley Fairies. Um ihre Eltern auszutricksen, hatten die damals zehn- und fĂŒnfzehnjĂ€hrigen MĂ€dchen Frances Griffiths und Elsie Wright 1917 im Dorf Cottingley Fotoaufnahmen von fairies produziert. Die Aufnahmen zeigen winzige, geflĂŒgelte Frauen, die zwischen Pflanzen umhertanzen. Der Theosoph Edward Gardner sowie der Spiritist und berĂŒhmte Autor Arthur Conan Doyle wurden auf die Fotos aufmerksam und prĂ€sentierten sie 1920 der Ăffentlichkeit als Beweise fĂŒr die Existenz von fairies und anderen feinstofflichen Wesen. Der Streit um die Echtheit der Bilder wurde bis 1983 ausgetragen, als die beiden Frauen zugaben, Papierfiguren fotografiert zu haben.cite-ref-68[68] An der AffĂ€re um die cottingley fairies lĂ€sst sich erkennen, dass fairies seit dem 20. Jahrhundert weithin als winzige, geflĂŒgelte Frauen vorgestellt werden. Dies drĂŒckt sich auch in Sichtungsberichten aus. WĂ€hrend FlĂŒgel in Ă€lteren Berichten fast nicht vorkamen, beschreiben Menschen im 20. und 21. Jahrhundert die von ihnen angeblich gesehenen fairies hĂ€ufig mit solchen.cite-ref-69[69]
In der Forschungsliteratur findet sich seit dem 19. Jahrhundert bis heute durchgehend die These, dass der Glaube an fairies frĂŒher stĂ€rker verbreitet gewesen wĂ€re und nun in der jeweiligen Gegenwart der Autoren fast verschwunden sei. Die kanadische Volkskundlerin Sabina Magliocco hĂ€lt dem Umfragen entgegen, die zeigen, dass auch in der Gegenwart viele Menschen an als fairies bezeichnete Wesen glauben oder deren Existenz zumindest fĂŒr möglich halten. Der Glaube an fairies hĂ€ngt dabei u. a. von der Subkultur der Befragten ab. In ihrer eigenen Umfrage unter Neopaganen im englischen Sprachraum gaben 57 % an, fairies selbst gesehen oder gespĂŒrt zu haben.cite-ref-70[70] Viele von ihnen erzĂ€hlten Geschichten vom Kontakt mit diesen Wesen. Die fairies, die diese gegenwĂ€rtigen Neopagenen beschreiben, unterscheiden sich allerdings deutlich von denen der traditionellen englischen Ăberlieferung. Magliocco fĂŒhrt Ronald Huttons Studie ĂŒber die Entwicklung der britischen fairies (s. o.) fĂŒr das 19. und 20. Jahrhundert weiter und macht hier zwei tiefgreifende VerĂ€nderungen fest, die zu den von ihr aufgezeichneten, modernen Vorstellungen fĂŒhrten. Die erste VerĂ€nderung stellt die Idee dar, dass fairies als Freunde und BeschĂŒtzer von Menschen auftreten, v. a. von Kindern. In der vormodernen VolksĂŒberlieferung galten fairies oft als boshafte und gefĂ€hrliche Wesen, die Kinder stehlen und Krankheiten bringen. In BĂŒchern aus dem sog. Goldenen Zeitalter der Kinderliteratur (1860erâ1920er) und deren Bearbeitungen in spĂ€teren Disneyfilmen wird ihnen stattdessen oft die Rolle als elternhafte BeschĂŒtzer (z. b. die Feenpatinnen in Pinocchio und Cinderella (1950)) oder als kindliche Freunde (und sexuelle Fantasien, v. a. Tinkerbell in Peter Pan (1953)) zugewiesen.cite-ref-71[71] Die Verniedlichung der fairies zu Figuren der Kinderliteratur hatte ihren Ursprung in englischen Ăbersetzungen der französischen conte de fĂ©es Literatur (s. o.).cite-ref-72[72] Die zweite VerĂ€nderung betrifft die Vorstellung, dass fairies WĂ€chter der Natur seien. Sie werden nun als Naturgeister vorgestellt, die unter der fortschreitenden Umweltzerstörung leiden und die Menschen daher zum Umweltschutz animieren und ihnen beibringen können, wieder im Einklang mit der Natur zu leben. Auch diese Idee stammt aus der Kinderliteratur. Nicht nur Barkers flower fairies etablierten die Vorstellung von fairies als Naturgeistern. Als Kritik an der damaligen Industrialisierung und Urbanisierung wurden eine ganze Reihe von Geschichten verfasst, die davon erzĂ€hlen, wie die fairies durch die Umweltzerstörung aus England vertrieben werden und sich eine neue Heimat suchen mĂŒssen (bspw. Rudyard Kipling: Dymchur Flit, 1906; Andrew Lang und May Kendall: That Very Mab, 1885).cite-ref-73[73] WĂ€hrend fairies in vormodernen Traditionen als ambivalent bis schĂ€dlich galten und man meist versuchte, ihnen aus dem Weg zu gehen, suchen die Neopaganen gezielt nach Kontakt mit ihnen, um sie als Freunde, BeschĂŒtzer und Lehrer zu gewinnen. Magliocco bezeichnet diese Entwicklung als âdie ZĂ€hmung der Feenâ (âthe Taming of the Faeâ).cite-ref-74[74]
Feen im deutschen Sprachraum
Feien im Mittelalter
Ende des 12. Jahrhunderts wurde die französische höfische Dichtung um König Artus im deutschen Sprachraum ĂŒbernommen und weiterentwickelt. Zu den Figuren der arturischen Welt gehört auch die weibliche fay (s. o.), die in die mittelhochdeutsche Dichtung als fei, feie oder feine ĂŒbersetzt wird. So wurde etwa Morgan le Fay zur FeimurgĂąn. Die Figur der Fee kam wohl aus Ă€lteren keltischen ErzĂ€hlungen in die Artusepik, welche Elemente der mittelhochdeutschen Feenfigur noch darauf zurĂŒckgehen ist in der Forschung umstritten.cite-ref-75[75]
Neben den Frauenfiguren, die in den mittelalterlichen Texten explizit als fei o. Ă. bezeichnet werden, zĂ€hlt die moderne Forschung auch solche Figuren zu den Feen, die zwar nicht so genannt wurden, aber Ăhnlichkeiten mit ihnen aufweisen. Die Germanistin Michaela Wiesinger hat sechs âFeenmarkerâ zusammengetragen, anhand derer âfeenhafte Frauenfigurâ identifiziert werden können. Das erste Merkmal ist Magisches: Feen verfĂŒgen sowohl ĂŒber magische GegenstĂ€nde und ZaubertrĂ€nke, als auch ĂŒber magische FĂ€higkeiten wie Hellsichtigkeit und Heilkunde. Zweitens Wunderbare Tiere und Figuren: Mit den Feen verbunden sind magische Tiere und Fabelwesen wie Drachen und Riesen. Das dritte Merkmal sind die Tabus: Als Teil der fĂŒr die Feen typischen MarteneheerzĂ€hlungen erlegen sie ihren ritterlichen Geliebten Tabus auf (s. o.). Viertens leben Feen in einer abgeschiedenen Behausung auĂerhalb der höfischen Welt, ihr oft anderweltlicher Aufenthaltsort kann vom Ritter hĂ€ufig nur durch einen schwierigen Ăbertritt (descensus) erreicht werden. FĂŒnftens sind Feen mit dem Element Wasser verbunden, sie tauchen an Quellen und GewĂ€ssern auf oder halten sich hinter einer Grenze aus Wasser auf, etwa jenseits eines Flusses oder auf einer Insel. Sechstens schlieĂlich verfĂŒgen Feen ĂŒber Feenboten, die beispielsweise ihre Nachrichten ĂŒberbringen oder den Weg zu ihrem Aufenthaltsort weisen. Auch Frauen, die in einem mittelalterlichen Text explizit eine Fee genannt werden, erfĂŒllen oft nicht alle diese Merkmale, wĂ€hrend andererseits auch mĂ€nnliche Figuren zumindest einige Feenmarker besitzen können.cite-ref-76[76]
Die mittelhochdeutsche Dichtung endete um 1300, und mit ihr auch die Figur der Fee. Im deutschen Sprachraum besteht keine KontinuitĂ€t zwischen der Fee des Mittelalters und der Fee, die im 18. Jahrhundert erneut aus der französischen Literatur ĂŒbernommenen wurde.cite-ref-77[77]
Feen in der Neuzeit
Die französische conte de fĂ©es Literatur (s. o.) wurde auch in den deutschen LĂ€ndern beliebt und ab den 1760ern ins Deutsche ĂŒbersetzt.cite-ref-78[78] FĂŒr dieses Genre wurde die Gattungsbezeichnung FeenmĂ€rchen erfunden und die Figur der fĂ©e als Fee eingedeutscht. Das Wort Fee stammt also aus der Literatur und kommt in VolkserzĂ€hlungen des deutschen Sprachraumes nicht vor.cite-ref-79[79] Ăber diesen Einfluss der französischen Literatur gelangten die Feen in einige deutsche MĂ€rchentexte, etwa Dornröschen (KHM 50).cite-ref-80[80]
Das deutsche FeenmĂ€rchen durchlief die umgekehrte Entwicklung des französischen: WĂ€hrend in Frankreich aus VolkserzĂ€hlungen höfische Literatur wurde, nĂ€hert sich das in Deutschland ĂŒbernommene Genre den einheimischen VolkserzĂ€hlungen an. Zentrale Autoren des frĂŒhen deutschen FeenmĂ€rchens (Christoph Martin Wieland, Christian August Vulpius u. a.) verfassten Geschichten mit aufklĂ€rerischer Intention; Wieland schrieb ĂŒber die böse Fee FanferlĂŒsch. Ab den 1780er Jahren schrieben Autoren wie Wilhelm Christoph GĂŒnther Geschichten, die sich stĂ€rker der einheimischen VolksĂŒberlieferung zuwandten. Die Gattung der deutschen FeenmĂ€rchen wurde im 19. Jahrhundert durch das romantische KunstmĂ€rchen und Sammlungen von aufgezeichneten VolksmĂ€rchen verdrĂ€ngt.cite-ref-81[81]
Literatur
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âą Jack Zipes: The Irresistible Fairy Tale. The Cultural and Social History of a Genre. Princeton University Press, Princeton/Oxford 2012, ISBN 978-0-691-15338-4.
Weblinks
Commons
: Feen
(fairies)
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Fee
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
âą Literatur von und ĂŒber Fee im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Einzelnachweise
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cite-note-4949. â Dieser Absatz folgt Hutton 2014, S. 1142â1146.
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cite-note-5252. â Williams 1984, Sp. 798.
cite-note-5353. â Hutton 2014, S. 1151.
cite-note-5454. â Jean N. Goodrich: Fairy, Elves and the Enchanted Otherworld. In: Albrecht Classen (Hrsg.): Handbook of Medieval Culture: Fundamental Aspects and Conditions of the European Middle Ages. Band 1. De Gruyter, Berlin/Boston 2015, ISBN 978-3-11-026659-7, S. 431â464, hier S. 463 (englisch).
cite-note-5555. â Marjorie Swann: The Politics of Fairylore in Early Modern English Literature. In: Renaissance Quarterly. Band 53, Nr. 2, 2000, S. 449â473, hier S. 454 ff. (englisch).
cite-note-5656. â Williams 1984, Sp. 795.
cite-note-5757. â Hutton 2014, S. 1150.
cite-note-5858. â Jean N. Goodrich: Fairy, Elves and the Enchanted Otherworld. In: Albrecht Classen (Hrsg.): Handbook of Medieval Culture: Fundamental Aspects and Conditions of the European Middle Ages. Band 1. De Gruyter, Berlin/Boston 2015, ISBN 978-3-11-026659-7, S. 431â464, hier S. 459 (englisch).
cite-note-5959. â Jean N. Goodrich: Fairy, Elves and the Enchanted Otherworld. In: Albrecht Classen (Hrsg.): Handbook of Medieval Culture: Fundamental Aspects and Conditions of the European Middle Ages. Band 1. De Gruyter, Berlin/Boston 2015, ISBN 978-3-11-026659-7, S. 431â464, hier S. 460â461 (englisch).
cite-note-6060. â Hutton 2014, S. 1152.
cite-note-6161. â Hutton 2014, S. 1155.
cite-note-6262. â Young 2019: 256.
cite-note-6363. â Young 2019: 259f. FĂŒr die Zeit vor diesen drei Malern konnte Young nur eine einzige, isoliert stehende Darstellung von fairies mit InsektenflĂŒgeln finden, eine zwischen 1605 und 1610 von Inigo Jones angefertigte Zeichnung (ebd. S. 254).
cite-note-6464. â Laura Forsberg: Natureâs Invisibilia: The Victorian Microscope and the Miniature Fairy. In: Victorian Studies. Band 57, Nr. 4, 2015, S. 638â666. Hier: S. 644.
cite-note-6565. â Young 2019: 262ff., 269.
cite-note-6666. â Magliocco 2019: 117.
cite-note-6767. â Swann 2000: 454f.
cite-note-6868. â Paul Smith: The Cottingley Fairies: The End of a Legend. In: Peter NarvĂĄez (Hrsg.): The Good People: New Fairylore Essays. University Press of Kentucky, Lexington 1997, ISBN 978-0-8131-0939-8, S. 371â405.
cite-note-6969. â Young 2019: 267f.
cite-note-7070. â Magliocco 2019: 110, 124.
cite-note-7171. â Magliocco 2019: 113â119.
cite-note-7272. â Williams 1984: Sp. 795.
cite-note-7373. â Magliocco 2019: 119â123.
cite-note-7474. â Magliocco 2019: 110f., 123f.
cite-note-7575. â Wiesinger 2018: 50.
cite-note-7676. â Wiesinger 2018: 50â54.
cite-note-7777. â Eberhard W. Funcke: Morgain und ihre Schwestern. Zur Herkunft und Verwendung der Feenmotivik in der mittelhochdeutschen Epik. In: Acta Germanica. Jahrbuch des sĂŒdafrikanischen Germanistenverbandes. Band 18, 1985, S. 1â64. Hier: S. 49.
cite-note-7878. â Dammann 1981, Sp. 139â142.
cite-note-7979. â Gertrud Scherf: Nixen, Wichtlein und Wilde Frauen: Eine Kulturgeschichte der Naturgeister in Bayern. Allitera, MĂŒnchen 2017, ISBN 978-3-86906-986-9, S. 109.
cite-note-8080. â Leander Petzoldt: Kleines Lexikon der DĂ€monen und Elementargeister. 3. Auflage. C. H. Beck, MĂŒnchen 2003 [1990], ISBN 978-3-406-66928-6, S. 72.
cite-note-8181. â Dammann 1981, Sp. 139â142.